Inseln der Bildung"
Herne, 24.10.2008
Die Probleme, die Kinder und Jugendliche in die Schulen tragen,
seien gewaltig, sagt der Leiter der Realschule Crange.
Er plädiert für weitreichende Veränderungen und wirbt für Investitionen Reiner Jorczik ist Leiter der Realschule Crange.
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Zählt an seiner Schule etwa 480 Schüler, die Hälfte von ihnen hat
einen Migrationshintergrund. Foto: WAZ, Ute Gabriel
... Diese will die erste gebundene
Ganztagsrealschule in Herne und Wanne-Eickel werden (wir berichteten). Mit dem
53-Jährigen sprach die WAZ über die Schule von heute und morgen, über Bildung
und seine Wünsche an die Politik. IM INTERVIEW REINER JORCZIK
Herr Jorczik,
Bildung ist derzeit in aller Munde, in dieser Woche gab es sogar einen
Bildungsgipfel in Dresden, zufrieden?
Jorczik: Bildung und Schule rücken in den
Mittelpunkt öffentlichen Interesses, das ist gut so. Für Städte wie Herne wird
es wichtig sein, Bildungschancen für alle zu schaffen. Mit dem Gipfel bin ich
nicht ganz zufrieden. Es sind nur Absichtserklärungen dabei herumgekommen. Dass
es nicht gelungen ist, jedem Kind ein Mittagessen zu garantieren, ist ein
Armutszeugnis.
Aber ein Essen kostet doch nur 2 bis 3
Euro.
Jorczik: Wir haben zurzeit 38 Kinder in der
Übermittagbetreuung, davon essen nur 20. Die anderen können es sich nicht
leisten.
Wie schwer ist es denn heutzutage, eine
gute Schule zu sein?
Jorczik: Die Probleme, die die Kinder heute
mitbringen, sind sehr groß. Das hat mit dem Bruch traditioneller Familienbilder
zu tun, mit fehlender Erziehung, mit fehlenden Regeln, mit schlechten
Vorbildern, die durch die Medien geistern, und auch mit der Verrohung der
Sitten.
Wie beurteilen Sie angesichts der Lage
die Ganztagsoffensive des Landes für Realschulen und Gymnasien?
Jorczik: Das ist eine prima Sache, nur die
finanzielle Ausstattung ist nicht ausreichend. Dass die Stadt mit dem von ihr
geforderten Anteil ein Problem hat, kann ich durchaus verstehen.
Sie rechnen mit Kosten von 300 000 Euro.
Jorczik: Wir haben versucht, die Kosten zu
bremsen, weil wir realistisch an die Sache herangehen. Die Politik muss dem
schließlich zustimmen. Dass wir langfristig mit diesem Geld nicht hinkommen,
ist klar. Wir haben viel in Eigeninitiative gemacht, ein Schülercafé gebaut,
eine Schülerbibliothek. Wir müssen aber auch noch viel mehr schaffen, damit Schule
wirklich ein Lebensraum wird. Wohlfühlen ist der Nährboden für Bildung.
Ist die Schule bis 13.20 Uhr ein
Auslaufmodell?
Jorczik: Die Schule bis halb zwei hat
ausgedient. In strukturell benachteiligten Regionen kommt man nicht daran
vorbei, eine ganz neue Schule zu erfinden.
Die wie aussehen sollte?
Jorczik: Es müssen kleine, überschaubare Inseln
der Bildung und Erziehung sein. Wir müssen den ganzen Menschen in den Blick
nehmen, in Schulen müssen künftig Psychologen, Sozialarbeiter, Lehrer, Schüler
und Eltern zusammenarbeiten. Wir müssen Persönlichkeit stärken, Selbstvertrauen
aufbauen und die Integration verbessern.
Kann es denn wirklich Aufgabe der Schule
sein, alle gesellschaftlichen Probleme aufzufangen?
Jorczik: In den konservativen, bürgerlichen
Milieus vielleicht nicht, in Herne ist das anders. Der Ansatz, zu fragen, wo
die Kinder die meiste Zeit verbringen, ist dabei nicht falsch. Schule bedeutet
heute nicht mehr nur die Vermittlung von Fachwissen, die pädagogische Arbeit
ist gefragter denn je.
Es klingt, als wären Sie ein
"Überzeugungstäter".
Jorczik: Unser Vorschlag, Ganztagsschule werden
zu wollen, ist mit nur einer Enthaltung in der Schulkonferenz angenommen
worden. Ich wäre auch geknickt gewesen, wenn wir diesen Weg nicht gegangen wären.
Unser Ziel ist es, Chancengleichheit mit Integration zu verbinden, und wir
wollen das zum Wohle der Kinder machen.
Geht es nicht auch darum, anderen
Realschulen den Rang abzulaufen?
Jorczik: Nein, ich verspreche mir etwas ganz
anderes davon: eine Schule aufzubauen, mit neuen Ideen. Dabei wissen wir noch
gar nicht, ob das funktioniert. Richtig ist, dass sich jede Schule dem
Wettbewerb stellen muss. Mit der Ganztagsoffensive haben wir als Realschule
wieder eine reelle Chance in der Schullandschaft.
Sie sind kein Freund der Einheitsschule.
Sie wollen auch nicht mit der Hauptschule fusionieren. Warum?
Jorczik: Die Einheitsschule funktioniert nicht.
Zumindest würde sie die Probleme nicht wegblasen, die es gibt. Ich bin nicht
gegen Kooperationen, ich bin aber in strukturschwachen Regionen gegen Schulen
mit mehr als 800 Schülern. Zusammenlegungen sind gefährlich, weil es schwierig
ist, an großen Schulen ein klares pädagogisches Konzept umzusetzen.
Was machen Sie, wenn die Realschule Crange aus welchen Gründen auch immer nicht Ganztagsschule
wird?
Jorczik: Dann gehen wir einen anderen Weg und
machen konsequent das Programm 13plus weiter. Wir wollen uns verändern.
Was sagen Sie als Pädagoge der Herner
Politik?
Jorczik: Sie soll das tun, was machbar ist und
sich die Frage stellen, wo es sinnvoll ist zu investieren, um eine Region nach
vorn zu bringen. Ich will aber auch sagen: Nicht zu investieren, wäre meiner
Meinung nach eine Milchmädchenrechnung.
Interview Kai Wiedermann